Automatisches Melken
Automatisches Melken in neuem Stall
Zwei Roboter übernehmen das Tagesgeschäft
Familie Sigl aus dem bayerischen Glonn melkt seit kurzem nicht mehr selbst. Keine Fremd-Arbeitskräfte, sondern zwei FULLWOOD-MERLINS übernehmen die tägliche Routine. Die ersten Erfahrungen sind positiv.
Martin Sigl aus Glonn, etwa 40 Kilometer südlich von München, ist Milchviehhalter mit Leib und Seele. Bis zum Jahr 2000 hielt er etwa 70 schwarzbunte Holstein-Kühe mit hoher Milchleistung und verbuchte auch zahlreiche züchterische Erfolge. Doch dann wurde die gesamte Herde aufgrund eines Paratuberkulose-Verdachtes gekeult. "Der Verdacht hat sich nicht bestätigt, aber unsere Kühe waren trotzdem von heute auf morgen weg", blickt Landwirt Sigl zurück.
Er und seine Ehefrau ließen sich nicht unterkriegen und bauten den Bestand sofort wieder auf. Heute halten sie etwa 85 Kühe mit einer Durchschnittsleistung von rund 11000 Litern je Kuh und Jahr.
Für die Kühe nur vom Feinsten
Da der Kuhkomfort in den alten Stallgebäuden zu wünschen übrig ließ und der Platz nicht mehr ausreichte, begann Familie Sigl im November 2003 mit dem Neubau eines Milchviehstalles für rund 110 Kühe. Der Anblick des neuen Stalles ist beeindruckend, da das Gebäude sehr großzügig dimensioniert ist. Curtains, eine hohe Traufe von 5 Metern sowie ein offener First über die komplette Stalllänge von 70 Metern sorgen für ein ausgezeichnetes Klima.
Auch bei den Abmaßen für die Laufgänge wurde nicht gespart. Die Fressgänge sind 4,5 m breit und die Querdurchgänge haben eine Breite von 3,6 m. So ist in allen Stallbereichen ein reibungsloser Kuhverkehr möglich. Die Kühe sind auf der einen Seite vom Futtertisch in Tiefboxen mit dicker Stroheinstreu aufgestallt. Diese wird einmal wöchentlich mit Strohmehl eingestreut, um die Feuchtigkeit besser zu binden. Auf der gegenüberliegenden Seite sind die Kälber und Jungrinder untergebracht.
Über 40 AMS in der Praxis angeschaut
Die Wahl des passenden Melksystems für den neuen Stall fiel Familie Sigl nicht leicht. Wichtig war für Martin Sigl ein System, welches schnelle Arbeitsabläufe ermöglicht. Zu Beginn der Planungen war ein Melkhaus vorgesehen, in das eine Steile Fischgräte mit Schnellaustrieb installiert werden sollte. Dann gingen die Planungen eher in Richtung Side-by-Side-Melkstand bis hin zum Karussell. Doch schließlich begann Familie Sigl, sich intensiver mit automatischen Melksystemen (AMS) zu beschäftigen. "Ich habe mir über 40 AMS in Praxisbetrieben angeschaut und ausführlich mit den Betriebsleitern über Vor- und Nachteile diskutiert", erzählt Milchviehhalter Sigl. Dafür reiste er unter anderem nach Holland."Nach den Betriebsbesichtigungen war klar, dass das automatische Melken zu 99 % zu uns und unserem Betrieb passt."
Zwei MERLINS "teilen" den Stall
Für die vorhandene Herdengröße mussten zwei MERLINS angeschafft werden. Auch für eine weitere Aufstockung der Herde reichen die beiden Systeme aus. "Glücklicherweise bekamen wir eine Box gebraucht, so dass die hohen Investitionskosten etwas gemildert wurden", so Martin Sigl. Die beiden Roboter sind mittig im Stall angeordnet. Die Kühe sind in zwei Gruppen aufgeteilt, jeder Gruppe steht ein AMS zur Verfügung. Bis auf den Zu- und Ausgang für die Tiere und einen Durchgang für das Personal sind die Roboter rundum mit einer Art "Gebäude" im Stall verkleidet. Dieses ist über eine hochklappbare Brücke mit dem Futtertisch verbunden. An der Stallaußenwand gelangt man vom Roboter-Bereich direkt in das angrenzende Technik- und Bürogebäude. "So kann ich trockenen, sauberen Fußes vom Futtertisch bis ins Büro gehen und verschmutze auch den Melkbereich nicht unnötig", erklärt Martin Sigl die Bauweise.
Damit die Kühe mehr Ruhe im Roboter vorfinden, hat der Landwirt gemeinsam mit seiner Lemmer-Fullwood-Betreuung Baumgartner aus Ramsau kleine Änderungen am AMS vorgenommen. So wurde Lärm verursachende Technik, wie zum Beispiel die Vakuumpumpe, aus den Robotern herausgenommen und in einem separaten Raum untergebracht.
In einem weiteren Raum befinden sich die Utensilien für die Kälbertränke. Dorthin wird die vom Roboter selektierte Milch, z.B. Kolostrum oder Milch von behandelten Kühen automatisch geleitet. Derzeit tüftelt die Firma Baumgartner noch an verschiedenen Abläufen für das AMS: ein Ablauf für Spülwasser, zwei Abläufe für Kolostrum und zwei für Milch behandelter Kühe.
Kontrolle mit Herdenmanagement-Programm
Da das Robotermelken im Betrieb Sigl noch in den Kinderschuhen steckt, investiert der Landwirt die frei gewordene Arbeitszeit in intensive Kontrollen. Dreimal am Tag wertet er die vom Herdenmanagement-Programm erfassten Daten aus. Identifiziert werden die Kühe über Pedometer. Wichtige Parameter sind für Martin Sigl die Leitfähigkeit der Viertelgemelke im Vergleich zueinander, die Milchleistung oder die Aktivität. Treten hier Abweichungen auf, weiss er, welche Kühe stärker beobachtet werden müssen.
Mit einem Herdenmanagement-Programm hat Martin Sigl bereits viel Erfahrung, da er schon im alten Stall intensiv die automatisierte Tierbeobachtung genutzt hat. Die Auswertungen zeigen auch, welche Kühe den Roboter noch nicht häufig genug besuchen. Diese müssen besonders beobachtet oder nachgetrieben werden.
Schon jetzt mehr Zeit
"Noch stecken wir mitten in der Eingewöhnungsphase, aber dafür läuft es schon sehr gut", meint Milchviehhalter Sigl. Er und seine Frau genießen es, dass sie nicht mehr an feste Melkzeiten gebunden sind. Schon im alten Stall haben sie versucht, so viel wie möglich zu automatisieren. Von den beiden MERLINS erhofft sich die Familie einen zusätzlichen Zeitgewinn. Und wenn es weiter so gut läuft, lässt dies sicherlich nicht lange auf sich warten.

